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Chronisch-komplexer Tinnitus

Die Poliklinische Institutsambulanz für Psychotherapie und die Abteilung Klinische Psychologie am Psychologischen Institut der Universität Mainz bieten ein spezielles Behandlungsprogramm für Patienten mit chronisch-komplexem Tinnitus (Ohrgeräusche). Die Behandlung basiert auf dem aktuellen verhaltensmedizinischen und verhaltenstherapeutischen Kenntnisstand.

Wie äußert sich ein chronisch-komplexer Tinnitus?

Viele Patienten mit chronischem (langdauerndem) Tinnitus leiden zusätzlich unter psychischen oder psychosozialen Folgeproblemen. Das Ohrgeräusch stellt häufig eine große Belastung bei normalen Aktivitäten des Alltags dar und nicht selten kommt es zu erheblichen beruflichen oder persönlichen Beeinträchtigungen. Typische Symptome bei Patienten mit chronisch-komplexem Tinnitus sind Konzentrationsstörungen, Schlafprobleme, ein Gefühl des ständigen Belästigtseins durch das Ohrgeräusch, depressive und ängstliche Verstimmungen, Hoffnungslosigkeit und sozialer Rückzug. Der Lebensradius der Betroffenen engt sich zunehmend ein, wenn der Tinnitus zum zentralen Problem geworden und dennoch keine Aussicht auf Heilung im Sinne einer Symptombeseitigung besteht. Im Langzeitverlauf kann das körperliche Symptom Tinnitus hinter die vielfältigen psychischen und psychosozialen Begleit- und Folgesymptome zurücktreten. Tinnitus mit schweren Folgen für die Lebensqualität tritt in Industrienationen mit einer Häufigkeit von etwa 1% auf.

Welche Ursachen gibt es?

Die medizinischen Ursachen einer Tinnituserkrankung können vielfältig sein. Manche Patienten haben einen Hörsturz (plötzlich eintretende, vorübergehende Hörminderung) erlebt, als oder bevor ihr Tinnitus begann. Innenohrschädigungen in Folge von starker Lärmbelastung, Knalltrauma oder aufgrund von Alterungsprozessen sind ebenfalls häufig. In einigen Fällen steht der Tinnitus auch mit Funktionsstörungen der Halswirbelsäule oder des Kiefergelenks in Verbindung. Gemeinsam ist den genannten Ursachen, dass sie nicht Zeichen einer schweren Erkrankung sind, obwohl sich die betroffenen Patienten vielfach große Sorgen um ihren Gesundheitszustand und um etwaige spätere Komplikationen machen. Nur in sehr seltenen Fällen ist der Tinnitus mit einer schweren Erkrankung des Gehörsystems oder des zentralen Nervensystems verbunden.

Psychische Folgesymptome können sich grundsätzlich bei jedem Tinnitusbetroffenen entwickeln. Stressfaktoren wie starke berufliche Belastung oder dauerhafte Überforderung scheinen die Entwicklung des chronisch-komplexen Tinnitus eher zu begünstigen. Es gibt jedoch keinen Beweis für eine psychische Verursachung von Tinnitus, auch wenn keine medizinischen Gründe gefunden werden können. Nach heutigem Konzept geht man davon aus, das übermäßige Aufmerksamkeit auf den Tinnitus und starke Krankheitsängste entscheidend am Zustandekommen eines chronisch-komplexen Tinnitus beteiligt sind. Durch die Folgeprobleme kann ein "Teufelskreis" in Gang gesetzt werden, der wiederum das Störungsbild aufrecht erhält.

Welches sind die heutigen Therapieansätze bei chronisch-komplexem Tinnitus?

Die Hauptziele der Therapie bestehen darin, eine allmähliche Gewöhnung (Habituation) an den Tinnitus zu fördern und effektive Bewältigungsstrategien im Sinne einer verbesserten Krankheitsbewältigung einzuüben. Nach dem heutigen Stand der medizinischen Behandlungsmöglichkeiten muss davon ausgegangen werden, dass ein chronisch gewordener Tinnitus auch weiterhin fortbestehen wird und die tatsächlichen Heilungschancen nur minimal sind. Daher müssen sich die betroffenen Tinnituspatienten mit dieser Symptomatik auseinandersetzen, um zu einer hilfreichen inneren Einstellung zu finden und unabhängig vom Tinnitus ihre Lebenszufriedenheit zu verbessern.

Ein derzeit viel diskutiertes Behandlungskonzept stellt die sogenannte Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) dar. Diese Methode stammt von dem amerikanischen Neurophysiologen Pawel Jastreboff und dem englischen Otologen Jonathan Hazell. Das Behandlungsprogramm sieht vor, die Patienten gründlich über Ursachen und Erscheinungsformen ihres Tinnitus aufzuklären und damit unbegründete Ängste zu beseitigen. Zudem wird der Patient angeleitet, sich wieder vermehrt Umgebungsgeräuschen auszusetzen, damit aufgrund der Mehrstimulation seines Gehörsystems eine verbesserte Habituation an den Tinnitus erreicht werden kann. In manchen Fällen wird ein sogenannter Geräuschgenerator (Noiser) verordnet, damit sich der betroffene Patient kontinuierlich mit einem leichten und angenehmen Rauschen stimulieren kann. Geräuschgeneratoren werden ähnlich wie Hörgeräte getragen. Nach etwa 18-monatiger Behandlung hat bei vielen betroffenen Patienten eine erhebliche Verbesserung der Habituation stattgefunden.

Weitere Behandlungsansätze basieren auf den Prinzipien der Verhaltenstherapie. Bei diesem Ansatz lernen die betroffenen Patienten, ihre Aufmerksamkeit gezielt vom Tinnitus wegzulenken und somit mehr Akzeptanz entwickeln zu können. Es wird in der Therapie erarbeitet, wie inadäquate automatische Gedanken oder Überzeugungen über den Tinnitus zu unangenehmen Gefühlen und längerfristigen emotionalen Belastungen führen können. Daher wird intensiv daran gearbeitet, realistische oder hilfreiche Gedanken zu entwickeln und somit zu einer emotionalen Entlastung beizutragen. Weitere Themen der kognitiven Verhaltenstherapie beim chronisch-komplexen Tinnitus sind der Aufbau von Bewältigungsstrategien, die Auseinandersetzung mit Krankheit und Gesundheit, die Entwicklung realistischer Einschätzungen und Verhaltensweisen gegenüber dem medizinischen System. Insgesamt kann durch diesen Behandlungsansatz bei der überwiegenden Zahl von Patienten eine erhebliche Besserung des psychischen Leidensdrucks und der psychosozialen Beeinträchtigungen erreicht werden.

Wie wird das Therapieprogramm am Psychologischen Institut der Universität Mainz durchgeführt?

Die Therapie besteht aus insgesamt 10 Doppelstunden, die einmal wöchentlich stattfinden. Das Programm umfasst neben Psychoedukation, dem Erlernen einer Entspannungstechnik und dem gegenseitigen Austausch der betroffenen Tinnituspatienten weitere psychologische Interventionen auf der Basis der oben skizzierten kognitiven Verhaltenstherapie. Es erfolgt ein Manual-geleitetes Vorgehen, bei dem die teilnehmenden Betroffenen in der Gruppe die kognitiven, emotionalen und verhaltensbezogenen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit ihrem chronischen Tinnitus genauer analysieren. Durch aktive Mitarbeit und Hausaufgaben können Veränderungen im Denken und im Verhalten erreicht werden, die wiederum zu einer Linderung der subjektiven Tinnitusbelastung führen. Zum Abschluss des Programms werden Möglichkeiten der Rückfallprophylaxe besprochen und eingeübt.

Welche Personen kommen für die Behandlung in Frage?

Das Behandlungsprogramm richtet sich an alle Patienten, die aufgrund ihres chronischen Tinnitus Hilfestellung bei der Bewältigung von aufkommenden oder bereits massiv vorhandenen psychischen Symptomen benötigen. Eine vorherige gründliche HNO-ärztliche Untersuchung und Behandlung muss vorausgesetzt werden. Die Behandlungen am Psychologischen Institut der Universität Mainz verstehen sich nicht als Alternative, sondern als Ergänzung zur üblichen medizinischen Behandlung. Daher wird eine enge Kooperation mit den zuständigen HNO-Ärzten angestrebt.