Medienkonsum und soziale Vergleichsprozesse

Zusammenhang zwischen Medienkonsum, sozialen Vergleichsprozessen und Essstörungen

Leitung: Dr. Tanja Legenbauer 
Durchführung: Natascha Ivanov

Einleitung und Fragestellung

In unserer heutigen Gesellschaft spielen die Medien eine immer größere Rolle in Bezug auf unser Wohlbefinden. Die Normen unserer Gesellschaft, die früher noch durch die Familie weitergegeben wurden, werden nun durch die Medien verbreitet. Sie geben uns beispielsweise vor, wie wir uns fühlen oder wie wir aussehen sollen. Verheerenderweise werden durch die Medien auch Normen vermittelt, die einer Person schaden können.

So wird durch die Verbreitung der Medien auch das Schlankheitsideal unserer Gesellschaft vermittelt. Jede Frau wird dadurch in Kenntnis gesetzt und soll glauben, sie müsse dieses Ideal erreichen. Viele Frauen vergleichen sich mit den Models aus Zeitschriften und Fernsehen und fühlen sich danach dick und unattraktiv. Obwohl die Figur der Models, die meist im Untergewichtsbereich liegt, für die meisten Frauen nur mit vielen Einschränkungen und ungesunden Ernährungsweisen zu erreichen ist, versuchen immer mehr Frauen diesem Ideal zu entsprechen.

Dies hat zur Folge, dass die Anzahl an Frauen mit Essstörungen steigt. Auch verschiedene Modelle legen nahe, dass Einflussgrößen wie beispielsweise das Schlankheitsideal über vermittelnde Prozesse, zu denen auch der Medieneinfluss zählt, auf die körperliche Unzufriedenheit und somit auf die Entstehung von Essstörungen wirken. Inwieweit ein Zusammenhang zwischen Art und Ausmaß des Medienkonsums und Essstörungen besteht, soll Thema der vorliegenden Studie sein. Hierzu liegen zum größten Teil Studien vor, die an nicht klinischen Stichproben erhoben wurden.

Insofern sollen in dieser Arbeit essgestörte Frauen, Frauen ohne Essstörungen und solche mit subklinischen Symptomen, auf eventuell vorhandene Unterschiede bezüglich sozialer Vergleichsprozesse und Medienkonsum untersucht werden (a). Weiterhin sollen speziell an der klinischen Stichprobe die Zusammenhänge zwischen Medienkonsum, sozialen Vergleichsprozessen und Essstörungen überprüft werden (b).

Methode

Die Studie wurde in Form einer Onlinebefragung durchgeführt. Zur Einteilung der Stichprobe wurde sich der DSM-IV Kriterien für Essstörungen sowie des „Eating Disorder Inventory“ (EDI-2) bedient. Die Stichprobe bestand aus 181 Frauen mit Bulimia nervosa (M = 22,72 Jahre), 105 Frauen mit Anorexia nervosa (M = 20,78 Jahre), 26 Frauen mit „Binge-Eating“-Störung (M = 26,31 Jahre), 24 Frauen mit subklinischen Symptomen (M = 24,08 Jahre) und 105 Frauen ohne Essstörungen/Kontrollgruppe (M = 28,76 Jahre). Als Messinstrumente dienten die „Physical Appearance Comparison Scale“ (PACS), die „Body Comparison Scale” (BCS), das “Comparison to Models Survey”, den in Anlehnung an das „Situational Inventory of Body-Image Dysphoria“ (SIBID) erstellten Fragebogen SIBID-Vergleiche sowie ein Fragebogen zum Medienkonsum.

(a) Es fanden sich keine Unterschiede in der Häufigkeit des Fernsehkonsums zwischen den Gruppen. In Bezug auf das Schauen von Soap Operas zeigten sich zunächst signifikante Unterschiede zwischen Frauen mit Bulimia nervosa und der Kontrollgruppe dahingehend, dass die Bulimia nervosa Gruppe diese Sendungen häufiger sah. Der Einbezug der Altersvariable offenbarte jedoch, dass der Unterschied aufgrund des jüngeren Alters der Bulimia nervosa Gruppe zustande kam. Hinsichtlich des Schauens von Musikvideos wurde deutlich, dass die Anorexia nervosa und Bulimia nervosa Gruppe diese Sendungen signifikant häufiger sahen als die Kontrollgruppe. Hier zeigte sich, dass die Altersvariable einen stärkeren Einfluss auf diese gefundenen Unterschiede hatte als die Gruppenvariable, der Einfluss der Gruppenvariable blieb jedoch bestehen. Bezüglich der Häufigkeit des Zeitschriftenkonsums zeigten sich signifikante Unterschiede dahingehend, dass Frauen mit Anorexia und Bulimia nervosa häufiger Zeitschriften lasen als Frauen ohne Essstörungen. Ferner, dass Frauen mit Anorexia nervosa häufiger Zeitschriften lasen als Frauen mit „Binge-Eating“-Störung.

Diese Unterschiede konnten stärker auf die Gruppenvariable als auf die Altersvariable zurückgeführt werden. Betrachtete man das Lesen von Mode-/Frauenzeitschriften sowie Fitnesszeitschriften, so wurde deutlich, dass Frauen mit Anorexia und Bulimia nervosa diese Zeitschriften signifikant häufiger lasen als die Kontrollgruppe. Dieser Unterschiede konnte alleine auf den Einfluss der Gruppenvariable zurückgeführt werden, das unterschiedliche Alter der Gruppen hatte keine Einfluss. Weiterhin fanden sich in Bezug auf soziale Vergleichsprozesse, dass alle Essstörungsgruppen signifikant häufiger bestimmte Körperteile sowie ihre gesamtes Aussehen mit anderen Frauen verglichen als die Kontrollgruppe. Frauen der Subklinischen Gruppe verglichen signifikant häufiger bestimmte Körperteile mit anderen Frauen als die Kontrollgruppe und Frauen mit Anorexia und Bulimia nervosa verglichen signifikant häufiger ihr gesamtes Erscheinungsbild als die Subklinische Gruppe.

Alle Essstörungsgruppen verglichen sich signifikant häufiger mit Models aus Fernsehen und Zeitschriften als die Kontrollgruppe, ebenso die Subklinische Gruppe. Ein signifikanter Unterschied zwischen den Essstörungsgruppen und der Subklinischen Gruppe zeigte sich nur für Frauen mit Anorexia nervosa, welche häufiger Vergleiche mit Models durchführten.

Im Hinblick auf negative Gefühle nach sozialen Vergleichen zeigte sich, dass alle Essstörungsgruppen nach sozialen Vergleichen signifikant häufiger negative Gefühle hatten als die Kontrollgruppe, dies galt auch für die Subklinische Gruppe. Außerdem zeigten Frauen mit Anorexia und Bulimia nervosa signifikant häufiger negative Gefühle als die Subklinische Gruppe.

(b) In Bezug auf das Medium Fernsehen und dem Schauen von Soap Operas und Musikvideos, zeigten sich keine signifikanten bis nur sehr geringe Korrelationen mit den Vergleichsskalen. Die höchsten Korrelationen fanden sich zwischen dem Schauen von Musikvideos und der „Physical Appearance Comparison Scale“. In Bezug auf das Medium Zeitschriften und dem Lesen von Mode-/Frauenzeitschriften und Fitnesszeitschriften, ließen sich nur geringe Korrelationen mit den Vergleichsskalen finden. Die höchsten Korrelationen lagen zwischen dem Lesen von Mode-/Frauenzeitschrif-ten und der „Physical Appearance Comparison Scale“ sowie zwischen dem Lesen von Fitnesszeitschriften und der „Body Comparison Scale“.

Der Zusammenhang zwischen den Vergleichsskalen und den Essstörungssymptomen reichte von sehr geringen bis zu mittleren Korrelationen, wobei die Skalen „Schlankheitsstreben“ und „Körperliche Unzufriedenheit“ die meisten mittleren Korrelationen aufwiesen.

Betrachtete man den Zusammenhang zwischen dem Schauen von Soap Operas, Musikvideos und Essstörungssymptomen, so ergaben sich keine signifikanten bis nur sehr geringe Korrelationen. Die höchsten Korrelationen zeigten sich zwischen dem Schauen von Soap Operas und den Skalen „Schlankheitsstreben“ und „Bulimie“.

Der Zusammenhang zwischen dem Lesen von Mode-/Frauenzeitschriften, Fitnesszeitschriften und Essstörungssymptomen zeigte keine signifikanten bis sehr geringe Korrelationen. Das Lesen von Mode-/Frauenzeitschriften stand in keinem Zusammenhang mit Essstörungssymptomen, während das Lesen von Fitnesszeitschriften einen geringen Zusammenhang mit den Skalen „Schlankheitsstreben“ und „Körperlicher Unzufriedenheit“ aufwies.

Fazit

Der vermehrte Konsum von schlankheitsbetonten Medien (besonders Zeitschriften) bei essgestörten Frauen macht deutlich, dass das Thema Medien in die Behandlung der Essstörungen integriert werden muss. Außerdem weisen die vermehrten sozialen Vergleichsprozesse und daraus resultierenden negativen Gefühle bei essgestörten Frauen daraufhin, dass diese zur körperlichen Unzufriedenheit beitragen und somit unbedingt therapeutischer Interventionen bedürfen. Die geringen Zusammenhänge zwischen Medienkonsum und sozialen Vergleichsprozessen sowie zwischen sozialen Vergleichsprozessen und Essstörungssymptomen weisen daraufhin, dass neben den sozialen Vergleichsprozessen noch andere vermittelnde Faktoren wie beispielsweise die Internalisierung des Schlankheitsideals oder das „Sich-hingezogen-fühlen“ zu schlanken Darstellerinnen in den Medien eine Rolle spielen könnten.